Es ist eines der letzten unsanierten Häuser im Winskiez. Jetzt steckt es unter Baugerüsten und -folien und soll energetisch saniert werden. Die Bewohner wehren sich – nicht gegen die Sanierung, gegen den Mietwucher. Eine weitere Gentrifizierungs-Geschichte, eine mit einem neuartigen Öko-Anstrich.
Früher war die Fassade restbraun, ein bisschen Putz noch, ein paar Ornamente. Meistens nacktes Mauerwerk. Im Erdgeschoss versprach ein uraltes Bäckerei-Schild frische Backwaren. Doch der Laden
neben dem Schild stand schon jahrelang leer. Aus ihm, wie aus dem restlichen Haus, strömte modriger Geruch – jener Geruch, den West-Besucher gern als typischen DDR-Geruch identifizierten: Der
Geruch nach feuchtem Mauerwerk, altem Keller und einem Rest Kohle. Touristen kamen viel hierher, fotografierten dieses alte Haus und schlichen in die Hinterhöfe. Das Haus erschien als lebendiges
Denkmal einer längst vergangenen Zeit. Trotzig und schäbig.
Seit kurzem ist die Fassade silberfarben und glatt. Das Haus mit der Nummer 59 ist komplett umhüllt mit einer Baufolie. Wie ein Fremdkörper steht es auf der Winsstraße. "Werte erhalten, Werte
gestalten" steht auf einem großen Schild an der Fassade. Davor, an einen Baum geklebt, hängt ein offener Brief der Bewohner. Überall im Winskiez liegt dieser Brief, versehen mit einem Foto und
einer Unterschriftenliste.
Die Bewohner wehren sich. Ein Haus macht mobil gegen eine Sanierung, die unter dem Deckmantel der Energie-Einsparung die Mieten in die Höhe treibt. Eine neue Form von Gentrifizierung ist geboren.
Wie in der Kopenhagener Straße 46 tritt Eigentümer Wulf Christmann an, seine ganz eigenen Werte zu gestalten. Und wie in der Kopenhagener Straße nutzt er den gesetzlichen Spielraum für sich
aus.
"Wir sind keine Hausbesetzer, wir sind treue Mieter, die hier seit Jahren ihren Lebensmittelpunkt haben", sagen die Bewohner der Winsstraße 59. Es sind 75 Menschen, jung und alt, Studenten,
Familien, Rentner. Ihre Unterschriftenlisten wollen sie an die Politiker übergeben. Einer hat schon geantwortet: Staatssekretär Ulrich Kelber aus dem Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz
nannte die Vorgänge "mit einer nachhaltigen, sozial verträglichen Wohnungswirtschaft nicht zu vereinbaren."
Die Vorgänge: Im vergangenen Jahr flattern den Bewohnern Modernisierungsankündigungen des Eigentümers in die Briefkästen. Angekündigt wird ein aufwändiger Öko-Anstrich. Die Hülle wird energetisch
saniert, innen bleibt alles beim alten. Es bleiben Wohnungen, die seit Jahren, teils seit Jahrzehnten nicht mehr modernisiert wurden. Wertsteigerungen wie den Einbau von Gasetagen-Heizungen
nahmen die Mieter teilweise selbst vor. Viele haben kein eigenes Bad. Dafür haben sie künftig modernste Wärmedämmung und Belüftungsanlagen sowie dreifach isolierte Fenster. Dafür soll sich ihre
Miete verdreifachen. Rauf bis auf 2000 Euro.
"Wir sperren uns nicht gegen eine Modernisierung," sagen die Bewohner. "Wir sind nur für ein sozialverträgliches Sanierungskonzept." Denn was ihnen bevorsteht, beschreiben sie so: "Dass eine
Wohnung mit Duschkabine in der Küche und Klo eine halbe Treppe runter für 1200 Euro vermietet werden soll". Das ist unvorstellbar und für die meisten von ihnen unbezahlbar. Dahinter könne nur
stecken, dass sie vertrieben werden sollen.
Die Christmann Unternehmensgruppe wirbt mit eben diesen "energetischen Spitzenwerten" für ihre Objekte, darunter die Häuser in der Winsstraße 59 und der Kopenhagener 46. Sie wirbt auch mit
"einmaligen Penthäusern mit Dachgärten", "Aufzügen" und "Hofbalkonen". Sie wirbt mit dem Öko-Label für luxuriöse Wohnungen.
Seit der Modernisierungsankündigung tobt die Auseinandersetzung. Die Öffentlichkeit mischt sich ein. Die Unterschriftenlisten der Bewohner sind ein weiterer Hilferuf.
Es sind die gesetzlichen Bestimmungen zum klimaschützenden Bauen, die Fälle wie die Winsstraße 59 möglich machen. Das Haus offenbart dabei den Fehler im System der sogenannten
Energieeinsparungsverordnung. Elf Prozent der Kosten von Ökosanierung können auf die Miete umgeschlagen werden, zeitlich unbegrenzt. Das verführt dazu, unter dem Etikett einer optimalen
Energie-Bilanz gleich noch die alten Mieter wegzuoptimieren. "Die energetische Sanierung ist zu einem Feld der Immobilien-Spekulation geworden", sagt Rainer Wild vom Berliner Mieterverein. Auf
dessen Tisch häufen sich inzwischen Fälle wie die Winsstraße 59 und die Kopenhagener 46. Auch dort setzen sich die 45 Bewohner gegen Verdrängung durch Wärmedämmung zur Wehr.
Auf der jüngsten Bezirksverordnetenversammlung appellierten sie an die lokalen Politiker, Modernisierungsvorhaben künftig nicht zu genehmigen, die, wie in ihrem Fall, Mietpreise bis zu 18 Euro
pro Quadratmeter bedeuten. Das Parlament, es tat, was es schon lange angekündigt hatte, und was in seiner regional begrenzten Macht steht: Es beschloss eine Erhaltungsverordnung für weite Teile
des Prenzlauer Berges, die u.a. auch unangemessene Wärmedämmung verbietet, es sei denn "sie ist zur Erreichung der Ziele der Energieeinsparungsverordnung unabdingbar". Da bleibt die Lücke im
System.
Die Bewohner der Winsstraße 59 haben ein vages Versprechen von seiten der Bundespolitik. "Was ändern wir bei der Modernisierung vermieteter Wohnungen?", diese Frage stünde für künftige
Gesetzgebungen ganz oben auf der Agenda, hat Justiz-Staatssekretär Ulrich Kelber den Bewohnern geschrieben. Bis dahin ermutigt er sie, Ihr Recht nach geltendem Gesetz in Anspruch zu nehmen,
"Modernisierung und Mieterhöhung nicht zu dulden, die eine nicht zu rechtfertigende Härte bedeuten". Notfalls vor Gericht.
Das wird wohl der letzte Ausweg für die Bewohner bleiben. Denn die Zeit, die es zum eventuellen Nachbessern der Gesetzeslage braucht, die haben sie nicht mehr. Die silberne Baufolie um die
Winsstraße 59 schafft Tatsachen. Zwar tut sich unter der Folie noch nichts, doch ist das Haus zumindest schon schön warm verpackt.
Katharina Fial (Juli 2014)
Die Blogs der Bewohner: